Offshore-Wind zwischen Festfundament und Floating: Neretek und Vestas prüfen Zusammenarbeit für 60 bis 90 Meter Wassertiefe
Nach einer Auswertung der IEA von 2019, die Ørsted in einem Whitepaper wiedergibt, liegen rund 80 Prozent des globalen technischen Offshore-Windenergiepotenzials in Wassertiefen von mehr als 60 Metern. In dieser Tiefe stoßen konventionelle Festfundamente häufig an technische und wirtschaftliche Grenzen, schwimmende Fundamente gelten als wichtige Option. Mit dem BC90 entwickelt Neretek eine weitere Lösung für den Tiefenbereich dazwischen.
Neretek und Vestas prüfen Einsatz des BC90-Fundamentkonzepts für 60 bis 90 Meter
Der Turbinenhersteller Vestas und Neretek haben eine Absichtserklärung (Memorandum of Understanding, MoU) unterzeichnet, um Einsatzmöglichkeiten ihrer Fundament- und Turbinentechnologien in gemeinsamen Offshore-Windprojekten in tieferen Gewässern zu prüfen. Neretek Limited ist ein Gemeinschaftsunternehmen des Offshore-Wind-Ingenieurbüros Wood Thilsted und von COP Frontier, einer Schwestergesellschaft von Copenhagen Offshore Partners. Das Unternehmen wurde am 7. Juli 2026 in London vorgestellt. Das MoU schafft nach Angaben der Unternehmen einen Rahmen, um zu bewerten, wo Fundament- und Turbinenlösungen gemeinsam eingesetzt werden können. Vorgesehen sind ein laufender Dialog und die technische Zusammenarbeit. Die Partner wollen damit das entstehende Segment “Other Deep Water Offshore Wind” (ODOW) unterstützen. Konkrete Projekte, Standorte oder Zeitpläne nennen die Unternehmen nicht.
Neretek bringt in die Kooperation das BC90 ein, ein Fundamentkonzept für Wassertiefen von 60 bis 90 Metern. Das Konzept sieht laut Neretek eine auftriebsfähige Stahlsäule vor, die über ein Gelenk mit einem vorinstallierten Fundament am Meeresboden verbunden ist. Ankerleinen nehmen die seitlichen Kräfte auf. Neretek gibt an, das BC90 lasse sich in bestehenden Monopile- und Turm-Lieferketten fertigen, mit Standardturbinen kombinieren und ohne Schwerlastschiffe installieren. Die Validierung läuft nach Unternehmensangaben bis 2027, ein vollmaßstäblicher Demonstrator ist frühestens für 2028 geplant. Mit Zertifizierern steht Neretek nach eigenen Angaben im Austausch.
Neretek-Chair Jonathan Cole erklärt, die nächste Wachstumsphase der Offshore-Windbranche werde zunehmend davon abhängen, ob Projekte in tieferen Gewässern realisiert werden könnten und dabei das erforderliche Tempo und die notwendige Größenordnung des Ausbaus erreicht würden. Damien Lhors, Global Head of Offshore bei Vestas, will Möglichkeiten ausloten, bei denen fortschrittliche Turbinen- und Fundamenttechnologien die nächste Generation von Offshore-Projekten unterstützen können.
ODOW: Großbritannien führt für Tiefwasser-Fundamente eine eigene CfD-Kategorie ein
Das Segment ODOW, das Neretek und Vestas unterstützen wollen, ist im britischen System der Differenzverträge (Contracts for Difference, CfD) eine eigene Kategorie: Für die Ausschreibungsrunde AR8 hat die Regierung neben konventioneller Offshore-Windenergie und Floating die Kategorie Other Deep Water Offshore Wind eingeführt. Nach der Definition vom Juli 2026 müssen alle Turbinen der betreffenden CfD-Einheit in Offshore-Gewässern mit mindestens 50 Metern Wassertiefe stehen. Die Fundamente dürfen Auftrieb, starre oder gelenkige Tragstrukturen zur Lastübertragung auf den Meeresboden sowie schlanke Zugelemente oder Verankerungen in unterschiedlichen Kombinationen nutzen.
Für Monopiles, Jackets und Schwerkraftfundamente legt die Definition Grenzwerte fest: Bei Monopiles gelten Grenzen beim Verhältnis von Durchmesser zu Wassertiefe und bei der Einbindetiefe im Meeresboden. Ausgeschlossen sind außerdem Jackets mit mehr als 20 Metern Breite am Meeresboden und durchgehende Schwerkraftfundamente mit mehr als 10 Metern gemittelter Breite. Eine Obergrenze für die Wassertiefe nennt die Definition nicht.
Hier setzt Neretek an: Das BC90 ist nach Angaben des Unternehmens auf diese Kategorie ausgerichtet. Neretek sieht Einsatzmöglichkeiten des BC90 nach eigenen Angaben auch in Irland, Frankreich, Japan, Südkorea, Taiwan, Australien und den USA.
Offshore-Potenzial in tiefem Wasser: In Europa rund 80 Prozent, in den USA rund zwei Drittel jenseits von 60 Metern Wassertiefe
Bislang steht der Großteil der installierten Offshore-Windleistung auf festen Fundamenten am Meeresboden. Nach Angaben des Global Wind Energy Council (GWEC) waren Ende 2025 weltweit Offshore-Windkraftanlagen mit 92,5 Gigawatt (GW) installiert, davon 278 Megawatt (MW) schwimmend.
Der Anteil des Offshore-Potenzials in Wassertiefen über 60 Metern fällt regional unterschiedlich aus. In Europa liegen nach Angaben von WindEurope aus dem Jahr 2018 rund 80 Prozent der Offshore-Windressourcen in Wassertiefen ab 60 Metern. In den USA liegen nach Angaben des US-Energieministeriums rund zwei Drittel des Offshore-Windpotenzials in Gewässern, die bei einer angenommenen Grenze von 60 Metern für konventionelle Festfundamente zu tief sind. Betroffen sind vor allem die US-Westküste, der Golf von Maine und tiefere Gewässer vor allen US-Küsten.
Eine Untersuchung aus dem Jahr 2023 identifiziert Irland, Island, Norwegen und das Vereinigte Königreich als Regionen mit besonders großem Potenzial für schwimmende Offshore-Windenergie. Die Studie untersucht unter anderem Wind- und Wellendaten sowie Wassertiefen und Küstenentfernungen. Große Teile der Meeresgebiete dieser Länder liegen in Wassertiefen zwischen 60 und 1.000 Metern und weisen ein hohes Windangebot auf.
In einer strategischen Umweltbewertung zum Entwurf des schottischen Offshore-Windplans stellte die schottische Regierung fest, dass für konventionelle Festfundamente geeignete Meeresflächen mit weniger als 60 Metern Wassertiefe begrenzt sind, insbesondere an der Westküste.
© IWR, 2026
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